Culterra 47
Landschaftswandel im Kaiserstuhl seit 1770 - Analyse und Bilanzierung
von KIM PHILIP SCHUMACHER (2006)
220 Seiten,
59
zum Teil farbige Abbildungen und Karten, 20,-€
Zusammenfassung
Die vorliegende Dissertation untersucht den Landschaftswandel des Kaiserstuhls im südlichen Oberrheingraben. Sie ist im Forschungsfeld der (historisch-)geographischen Landschaftsforschung angesiedelt und ein Teilprojekt im Forschungsprogramm des DFG-Graduiertenkollegs 692-1 „Gegenwartsbezogene Landschaftsgenese“. Die Arbeit versteht sich als Baustein der internationalen Landnutzungswandelforschung. In der Untersuchung wird erstmals der historische Landnutzungswandel eines vom Sonderkulturanbau geprägten Gunstraums hochaufgelöst analysiert und quantifiziert. Für die regionale Geographie wurde mit der Aufarbeitung der Landschaftsgeschichte des Kaiserstuhls und der sie steuernden anthropogenen Kräfte und Prozesse dazu beigetragen, eine über längere Zeit bestehende Forschungslücke zu schließen. Der Untersuchungszeitraum reicht vom Dreißigjährigen Krieg als größtem neuzeitlichen Bruch in der regionalen Landschaftsentwicklung in der Mitte des 17. Jh. bis zum Ende des 20. Jh. Das Untersuchungsgebiet umfasst das Kaiserstuhlgebirge und sein Vorland mit den acht heutigen Kaiserstuhlgemeinden.
Daraus wurden drei, einen Nord-Süd Schnitt durch die unterschiedlichen Teilräume des Kaiserstuhls bildenden Gemarkungen mit zusammen 40 km2 für eine detaillierte Analyse ausgewählt. Die Landnutzungsänderungen auf den Gemarkungen Endingen, Oberbergen und Ihringen wurden für einen Zeitraum von 230 Jahren analysiert und bilanziert. Der historisch-territorialen Vergangenheit und der landschaftsprägenden Rolle des Weinbaus als Leitkultur wurde bei der Analyse besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Für den Untersuchungszweck der vorliegenden Studie wird Landschaft als eine räumliche Abfolge menschlicher Landnutzungen verstanden. Auf dieser Sichtweise basiert das für den Kaiserstuhl aufgebaute Geoinformationssystem, für das die aktuelle und historische Landnutzungsverteilung aus historischen und aktuellen Karten abgeleitet wurde. Diese Informationen wurden als Zeitschnittkarten der Landnutzung dargestellt. Zur Bilanzierung des Wandels zwischen den vier Zeitschnitten (1770, 1890, 1938, 1998) erfolgte eine Verschneidung der Zeitschnittkarten zur Erstellung von Landschaftswandelkarten. Als Vorarbeit wurden die für den südwestdeutschen Raum verfügbaren historischen Karten analysiert. Einbezogen wurden mehrere bislang nicht für die Landschaftsforschung verwendete Kartenwerke. Die GIS-Integration von vier recht unterschiedlichen Kartenquellen, insbesondere der Karten der ersten Landesaufnahme des 18. Jh., ist ein Novum.
Die historische Verteilung der Landnutzung wurde von den speziellen naturräumlichen Gegebenheiten des Kaiserstuhls determiniert. Um 1770 ist die Kaiserstühler Agrarlandschaft vom auf Subsistenz ausgerichtetem Ackerbau dominiert. Die Wirtschaft wird sowohl im badischen wie auch vorderösterreichischem Territorium durch grundherrliche Eingriffe und Abgaben geprägt. In der Folgezeit beginnt eine große Ausweitung der Rebfläche vor allem in Endingen und Oberbergen, um mit dem höheren Ertrag der Sonderkulturen das Auskommen der explosionsartig zunehmenden Bevölkerung zu sichern. In Ihringen schließt die Vergrößerung der Kulturfläche auch die Melioration größerer Feuchtgebiete und die Rodung von Wald mit ein. Um 1890 hat der Kaiserstuhl seine geringste neuzeitliche Waldbedeckung und die größte Ausdehnung von Wiesen und Grasland. Dieser Zeitschnitt markiert die Phase der intensivsten landwirtschaftlichen Nutzung des Kaiserstuhls mit einer kleinteiligen Ausdifferenzierung der Nutzungen. Sie ist bedingt durch die im Realteilungsgebiet weit fortgeschrittene Besitzzerteilung. In der darauf folgenden Periode nimmt der Nutzungsdruck auf die landwirtschaftliche Fläche infolge von Auswanderungen und Ertragssteigerungen besonders im Weinbau wieder ab. Im gesamten Untersuchungszeitraum ist dies die Phase des geringsten Landnutzungswandels am Kaiserstuhl. Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt die Epoche der Industrialisierung und Mechanisierung der Landwirtschaft. In den 1960er bis 1980er Jahren führen großflächige Rebflurbereinigungen zu einer nochmaligen Verdoppelung der bestockten Rebfläche. Die technischen und finanziellen Möglichkeiten erlaubten es, die naturräumlichen Bedingungen durch die Neumodellierung des Reliefs mit Großterrassen deutlich zu verändern. Andere Landnutzungen treten in den Hintergrund. Historische Nutzungssysteme des Waldes und der Graslandflächen werden aufgegeben, es erfolgt eine signifikant schärfere Trennung der Landnutzungen, als sie in der Vergangenheit vorgenommen wurde. Der Zeitraum zwischen 1938 und 1998 ist die Periode der größten Landnutzungsänderungen. Der Kaiserstuhl spielt hier eine Sonderrolle, da andere Mittelgebirgslandschaften einerseits einem deutlich geringeren Wandel unterlagen und andererseits die größten Umwälzungen in der ersten Hälfte des 20. Jh. erfuhren.
Als treibende Kräfte des Landschaftswandels können die Bevölkerungsentwicklung und die Verkehrserschließung angesehen werden. Von weiterer entscheidender Bedeutung waren in der Vergangenheit die Kulturpolitik der Landesherrschaft und in jüngerer Zeit die Maßnahmen der Landwirtschaftsförderung. Sie führten einhergehend mit Innovationen in der Landwirtschaft und im Weinbau zur fortwährenden weit reichenden Umgestaltung der Kulturlandschaft des Kaiserstuhls.
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