Culterra 52

Bestandsaufnahme und Evaluation ausserschulischer Gewaesserpedagogik in Deutschland - eine explorative Studie

CAROLIN RETTIG (2008)

Wasser ist für den Menschen in vielerlei Hinsicht von zentraler Bedeutung, was sich unter anderem auch daran ablesen lässt, dass die Themenfelder „Wasser“ und „Gewässer“ eine wichtige Rolle in der schulischen wie außerschulischen Umweltbildung spielen. Dennoch repräsentiert die Gewässerpädagogik in Deutschland
keine eigene Teildisziplin innerhalb der Umweltbildung und war bislang kaum Gegenstand der Forschung.

Ziel dieser explorativen Studie war es, den im allgemeinen Sprachgebrauch unbekannten Begriff „Gewässerpädagogik“ mit Inhalt zu füllen, indem zunächst eine Bestandsaufnahme mit Hilfe von Experteninterviews durchgeführt wurde. Insgesamt wurden 14 ExpertInnen, überwiegend VertreterInnen aus der Praxis sowie drei BehördenvertreterInnen, befragt. Darauf aufbauend wurde eine theoretische Evaluation von Gewässerpädagogikkonzepten anhand eigens für diesen Zweck entwickelter Bewertungskriterien vorgenommen. Das theoretische Fundament hierfür bilden lernpsychologische
Erkenntnisse und Theorien. Die Kriterien repräsentieren dementsprechend die Anforderungen an Bildungskonzepte auf kognitiver, affektiver sowie sozialer Ebene. Außerdem wurde die Beschreibung der externen Bedingungen einbezogen und jeweils überprüft, ob auch spirituelle Elemente eine Rolle in der Gewässerpädagogikarbeit spielen. Die zusammen gestellten Kriterien wurden auf insgesamt neun Bildungsangebote angewandt und auf diese Weise auf ihre Tauglichkeit hin überprüft.

Abschließend wurden einzelne Bildungsangebote mittels schriftlicher Befragungen jeweils vor und vier Wochen nach der Teilnahme aus Sicht der Lernenden evaluiert. Diese Vorgehensweise wurde gewählt, um neben den Bewertungen durch die Teilnehmenden auch den Lerneffekt hinsichtlich des Faktenwissens zu ermitteln. Insgesamt waren drei Bildungsprogramme an der Wirkungsanalyse beteiligt. Ein mehrstündiges Programm für GrundschülerInnen, eine mehrtägige Veranstaltung für SchülerInnen der Mittelstufe sowie ein Lehrgang zur Ausbildung von GewässerführerInnen, welcher sich über mehrere Monate erstreckte.

Die Bestandaufnahme brachte hervor, dass die aktuelle Gewässerpädagogik sich durch ihre inhaltliche wie pädagogische Vielfalt auszeichnet. Dies äußert sich in unterschiedlichen Ausprägungsformen von mobilen Angeboten über fest installierte Bildungseinrichtungen bis hin zu Bachpatenschaften. Wie im Umweltbildungssektor
allgemein, gibt es allerdings keine einheitlichen Ausbildungswege und die Akteure verfügen über unterschiedliche, überwiegend naturwissenschaftlich orientierte Qualifikationen. Insgesamt ereicht die Mehrzahl der untersuchten Gewässerpädagogikanbieter dennoch einen mittleren, teilweise auch hohen, Professionalisierungsgrad in Bezug auf die Rahmenbedingungen wie Organisationsstrukturen, Öffentlichkeitsarbeit und Kooperationen.

Obwohl die Konzepte der neun untersuchten Gewässerpädagogikanbieter nur teilweise auf lernpsychologischen Erkenntnissen beruhen, fällt die theoretische Evaluation ebendieser insgesamt positiv aus. Die Anforderungen an kognitive, soziale und affektive Kriterien wurden großenteils erfüllt. Darauf aufbauend kann den Bildungsangeboten allgemein ein hohes Erfolgspotenzial hinsichtlich des Lerneffekts zugesprochen werden. Eine Ausnahme bildete eine gewässerpädagogische Ausstellung, welche sich durch ihre stark kognitive Ausrichtung von den anderen Anbietern unterschied. Diese stellt das einzige Gewässerpädagogikangebot dar, welches nicht im Freien direkt an einem Gewässer stattfand. Zudem gab es nur begrenzt Möglichkeiten für Handlungsorientierung. Die übrigen Angebote setzten entweder einen leicht kognitiven Schwerpunkt oder folgten einem ausgeglichenen kognitiv-affektiven Ansatz. Soziale Interaktion ist wiederum mit der Ausnahme der Ausstellung grundsätzlich ein Bestandteil der gewässerpädagogischen Konzepte. Spirituelle Elemente spielen jedoch nur eine untergeordnete Rolle und flossen
lediglich in die Ausbildung der GewässerführerInnen ein.

Die Wirkungsanalyse aus Sicht der Lernenden bestätigt die optimistische Einschätzung auf Grundlage der theoretischen Evaluation nur teilweise und verweist auf andere Faktoren, welche das Lernen und somit die Wirkung von Gewässerpädagogikangeboten unterstützend oder drosselnd beeinflussen. Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die Dauer eines Angebots und, sofern es sich um Schulklassen handelt, die Einbettung des außerschulischen Gewässerpädagogikprogramms in den schulischen Unterricht. Es zeigte sich deutlich, dass die Schulklasse, welche im Rahmen einer Freizeitveranstaltung ohne Einbettung in den Unterricht an dem gewässerpädagogischen Programm teilnahm, vier Wochen später keinerlei Wissenszuwachs vorwies. Lernprozesse benötigen prinzipiell Zeit und in gewissem Maß auch Wiederholungen, für die Aufnahme neuen Wissens ebenso wie die Verarbeitung neuer Wahrnehmungen und Erfahrungen. Darüber hinaus beeinflussen auch die externen Bedingungen, zum Beispiel die Art der Unterbringung bei mehrtägigen Veranstaltungen, ebenso wie die Motivation und individuelle Charaktereigenschaften den Lernprozess. So hielten empfundene Unsicherheiten eine Person davon ab, nach Abschluss des Lehrgangs tatsächlich Führungen anzubieten, obwohl die Person nach eignen Angaben über ausreichend inhaltliche und methodische Kompetenzen verfügte.

Abschließende Bilanz ist, dass die aktuelle Gewässerpädagogik Potenziale für eine zukünftige Etablierung der Gewässerpädagogik als eigenständigen Teilbereich innerhalb der Umweltbildung, ähnlich dem Vorbild der Waldpädagogik, bietet. Zum einen bedarf es weiterführender Forschung, insbesondere hinsichtlich der Langzeitwirkung gewässerpädagogischer Angebote auf die Mensch-Gewässer- Beziehung. Zum anderen sollten Qualitätsstandards als Orientierungsrahmen für die Gestaltung und Umsetzung von Gewässerpädagogikangeboten ebenso wie die Ausbildung von GewässerpädagogInnen entwickelt werden, um eine ptimierung und Professionalisierung des Gewässerpädagogiksektors voran zu treiben.

 

 

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Aktualisiert: 21.04.11  - rö