Beispiele anthropogener Einflüsse auf die Flusslandschaft

Mit Beginn der kontinuierlichen Besiedlung im 9. Jh. (Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, 2002) begann auch die anthropogene Überprägung der Gewässer und Flusstäler. Vor allem die Nutzung der Wasserkraft wandelte die Gewässerstruktur. Wassernutzungsrechte wurden gegen Zins von den Klöstern und den Vögten des Südschwarzwaldes an Mühlen, Sägen, Erzpochen und Eisenschmelzen vergeben. Die Errichtung von Wehren und Mühlkanälen, als direkte Eingriffe, veränderten die Abfluss- und Strömungsverhältnisse sowie das Sedimentations-verhalten der Flüsse. Als ältester Standort für Wasserkraftnutzung am Neumagen gelten die Mühlen des Klosters St. Trudpert. Erstmals werden diese im 13. Jh. erwähnt (Lange, 1991).

Die neue Technik der Kraftübertragung und der Aufschwung des Silberbergbaus stellten einen wichtigen Impuls für die Diversifikation der Wasserkraftnutzung im Münstertal dar, die ihren ersten Höhepunkt im Hoch- und Spätmittelalter erfuhr. Für das 13. und 14. Jahrhundert sind archäologisch und historisch 13 Erzschmelzen nachgewiesen (Schlageter 1989, Goldenberg 1996). Die Standortwahl der Erzschmelzen richtete sich nach der optimalen Versorgung mit Holz, Holzkohle und v.a. Wasser. Bis auf wenige Ausnahmen wurden die Schmelzen gezielt an den Bachläufen und nicht in Grubennähe betrieben (Goldenberg 1996). Das Münstertal verfügt über genügend Betriebswasser für den Bergbau. Deshalb konnten die Bergwerksbetreiber auf aufwendige Wasserkünste, die benachbarte Flussgebiete „anzapften“ (z.B. der Urgraben im Suggental) verzichten (Albiez 1979). Aus dem Mittelalter gibt es kaum archäologische und historische Belege, anhand derer sich das Aussehen der Stauwehre rekonstruieren lässt. Vorstellbar ist ein einfacher Damm, aus Steinen aufgeschüttet, zum Aufstauen der Bäche. Aufgrund des günstigen Gefälles der Bäche, wurde das Wasser über relativ kurze offene Gerinne auf wassersparende oberschlächtige Wasserräder geführt. Neben dem Antrieb von Wasserrädern für die Erzaufbereitung wurde im Bergbau die Wasserkraft auch zum Heben von Sümpfungswasser in den Gruben genutzt.

Mit der Wiederaufnahme der Bergbautätigkeiten im frühen 18. Jahrhundert trat ein zweiter Höhepunkt in der Wasserkraftnutzung im Münstertal ein. In Verbindung mit dem blühenden Bergbau siedelte sich Folgegewerbe (z.B. Hammer- und Nagelschmieden) an, die ebenfalls einen wirtschaftliche Aufschwung erfuhren. Im 18. Jahrhundert wurden in der Schmelze im Wildbach Erze aus den Gruben Riggenbach verhüttet (Goldenberg 1996). Das Aufschlagwasser zum Betreiben der Blasebälge wurde aus dem Neumagen im Gewann Hof ausgeleitet und hangparallel in einem 500 m langen Hangkanal zu der Schmelze geführt. Wenige Reste sind heute noch sichtbar. In Höhe des Wogenbrunns z.B. wurde der Kanal bergmännisch durch eine Felsnase getäuft. Der Verlauf des Kanals kann gut durch eine Hohlkehle im Felsen oberhalb des Wegeniveaus des Talwegs nachvollzogen werden.

Die Wasserkraft als Energiequelle besaß im Münstertal stets einen hohen Stellenwert. Mit der Einführung der Turbine Ende des 19. Jahrhunderts gewann sie nochmals an Bedeutung. Nachdem die technischen Voraussetzungen zur Erzeugung von Elektroenergie geschaffen waren, tauschten viele der Wasserkraftbetreiber zum Antrieb ihrer Gewerke das Wasserrad durch eine Turbine aus. Die Leistungssteigerung der Turbinen machte den Ausbau der Wehranlagen notwendig. Höhere Wassermengen waren zum Antrieb der Turbinen notwendig, damit stieg auch der Wasserverbrauch. Dies stellte den Höhepunkt der Erschließung der Wasserkraft, aber zugleich auch das Ende dar. Das Badische Wasserkraftkataster von 1929 weist für das gesamte Münstertal 29 Wasserkraftnutzungen mit einer Gesamtleistung von ca. 250 kW/h aus. Allein am Neumagen waren zwischen Hörhalde und Etzenbach 20 Triebwerke mit einer Gesamtleistung von ca. 182kW/h gemeldet. Im wesentlichen handelte es sich dabei um kleingewerbliche Betriebe, die über Wasserräder oder Turbinen die Wasserkraft umsetzten. Die Längen der Kanäle schwankten zwischen 40 und 500 m. Addiert man die Längen der einzelnen Triebwerkskanäle, ergibt dies eine Strecke von ca. fünf Kilometern. Der bedeutendste Kanal war der Gewerbekanal im Gewann Münster mit einer Gesamtlänge von ca. einem Kilometer.

Von den 29 Triebwerken aus dem Jahr 1929 sind heute nur noch 6 Wasserkraftnutzungen vorhandenen. Heute erreichen die sechs Turbinenanlagen mit einer installierten Leistung von 174 kW/h eine ähnlich hohe Energieausbeute wie 1929. Viele der Triebwerkskanäle existieren heute nicht mehr. Der Gewerbekanal im Gewann Münster wurde 1971 verfüllt. Im gesamten Münstertal sank die Länge der Triebwerkskanäle von fünf Kilometer auf zwei Kilometer.

Massive Eingriffe und somit eine Umgestaltung erfuhr der Neumagen mit Beginn des 18. Jahrhunderts durch das Scheitholzflößen. Flößerei und Holztrift lässt sich für die Flüsse Neumagen und Möhlin zwischen 1716 und 1744 zur Versorgung der Garnison Breisach mit Brenn- und Bauholz nachweisen (Hugrad 1885, Scheiffele 1999). Die vorderösterreichische Regierung beauftragte die Kaufmannsfamilie Litschgi mit der Errichtung eines Flößereibetriebes nach Breisach. Für den Holzeinschlag wurden den Unternehmern die Wälder im Möhlin- und Münstertal zugewiesen. Da die Möhlin nicht direkt, sondern 1,5 Stunden entfernt von der Festung Breisach in den Rhein mündete, wurde zwischen Hausen und Breisach ein Floßkanal gebaut (Neuhöfer 1993). Erstmals fand 1716 eine große Holzlieferungen nach Breisach statt (Scheiffele 1999). Zunächst wurde das Holz einzeln bis nach Hausen getriftet, an einem Holzlagerplatz gesammelt und zu Flößen zusammengebunden. Dann wurden die Stämme auf dem Kanal bis vor die Tore Breisachs geflößt. Als Verlängerung des Floßkanals wurden Neumagen und Möhlin zu landesfürstlichen Floßgewässern ausgebaut, was massive wasserbauliche Umgestaltungen nach sich zog. Der Holzbedarf der Garnison wuchs in den folgenden Jahren beträchtlich, so dass der Neumagen die gesteigerten Holzlieferungen nicht mehr fassen konnte. Aus diesem Grund wurden zwischen 1734 und 1736 am Neumagen erneut Dämme aufgeschüttet und das Flussbett ausgehoben (Hugard 1885). Im Tal der Möhlin errichtete man in Höhe der Gütlemühle mit einem Aufwand von 1.500 Gulden einen Schwellweiher (Hugard 1895). Im Juli 1744 rächten sich die massiven flussbaulichen Eingriffe. Ein sommerliches Gewitter ließ die Möhlin und den Neumagen zu wildtosenden Flüssen anschwellen. Die Dämme am Neumagen brachen. Wasser- und Geröllmassen ergossen sich über Wiesen und Felder, zerstörten Brücken und Gebäude. Der Neumagen grub sich ein „neues“ Bett, wodurch Wiesen im Wert von 30.000 Gulden in der Gemarkung Staufen zerstört wurden (Hugard 1885). Noch verheerender waren die Schäden entlang der Möhlin. Ein Dammbruch im Litschgi`schen Stauweiher erhöhte die Flutwelle der Möhlin. Die Fluten rissen den Weg nach St. Ulrich, in Bollschweil und Ambringen die Mühlen und in Ehrenstetten drei Wohnhäuser weg (Hugard 1885). Das Hochwasser zerstörte die gesamte Flößereieinrichtung. Die Schäden an den Floßanlagen im Tal der Möhlin waren erheblich höher als am Neumagen. Daraufhin wurde die Flößerei auf der Möhlin eingestellt. Auf dem Neumagen wurden die Anlagen wieder in Stand gesetzt. Die Litschgis zogen sich aus dem Flößereigeschäft zurück. Bis 1748 flößten verschiedene Pächter weiterhin Holz nach Breisach. Ein erneutes Hochwasser, das viele Grundstücke und Wiesen zerstörte und der Verlust Breisachs als Absatzmarkt gaben Anlass zum endgültigen Einstellen der Flößerei (Hugard 1895).

 




 

 
 
 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
Aktualisiert: 17.05.11 bie