Kulturlandschaft oder Wildnis in den Alpen? - Fallstudien im Val
Grande-Nationalpark und dem Stronatal
(Piemont/Italien)
-Zusammenfassung-
Im italienischen Piemont sind Land- und Forstwirtschaft in vielen
Alpentälern stark im Rückgang begriffen. Die Bevölkerung
ist aus zahlreichen Dörfern teilweise oder vollständig
abgewandert. Die alpine Kulturlandschaft ist dadurch sichtlichen
Änderungen unterworfen. Dieser Landschaftswandel sowie dessen
ökologische und soziale Auswirkungen waren Gegenstand des von
der Bristol-Stiftung in Zürich geförderten Forschungsprojekts
"Veränderung alpiner Landschaften bei Rückzug der
Landnutzung am Beispiel des Val Grande-Nationalparks sowie des Stronatals
- Von der Kulturlandschaft zur Wildnis".
Am Beispiel zweier Untersuchungsgebiete, dem Gebiet der Gemeinde
Premosello Chiovenda im Val Grande-Nationalpark sowie dem oberen
Stronatal (beide in der Provinz Verbano-Cusio-Ossola) stand das
Spannungsfeld von Kulturlandschaft und Wildnis im Mittelpunkt der
Untersuchungen. Neben vielen parallelen Entwicklungen in Geschichte
und Gegenwart weisen diese Gebiete Unterschiede auf, die hinsichtlich
einer Analyse der gegenwärtigen Situation und der Entwicklung
von Perspektiven für die Zukunft eine aufschlussreiche Gegenüberstellung
ermöglichen:
- Zum Wildnisgebiet erklärtes Schutzgebiet (Val Grande-Nationalpark)
gegenüber einem Gebiet ohne entsprechenden Schutzstatus (Stronatal)
- Dauersiedlungen (Premosello und Colloro) gegenüber Sommersiedlungen
(Piana di Forno, Campello Monti im Stronatal)
- Größere beweidete Flächen (oberhalb von Campello
Monti im Stronatal) gegenüber vorwiegend ungenutzten Flächen
(Val Grande-Nationalpark)
Im Mittelpunkt der Untersuchungen standen die erfolgten Landschaftsveränderungen,
deren Auswirkungen auf die Vegetations- und Strukturvielfalt, die
Wahrnehmung des Landschaftswandels durch Bevölkerung und Touristen
sowie die sozialen und ökologischen Folgen von Entsiedelung
und Verbrachung. Vorrangiges Ziel war die Diskussion des Naturschutz-Leitbildes
"Wildnis" sowie die Entwicklung von Perspektiven für
die Zukunft. Die vorliegende Fragestellung legte es nahe, in einem
transdisziplinären Forschungsansatz verschiedene Methoden aus
Geschichtswissenschaft sowie Ökologie und Soziologie zu verbinden.
Im Rahmen dieses Projekts wurden zwei Dissertationen angefertigt:
- "Landschaftsentwicklung und Wildnis' im Val Grande-Nationalpark"
(HÖCHTL, 2003)
- "Folgen von Entsiedelung und Verbrachung für eine
Alpenlandschaft und deren Bevölkerung. - Das Fallbeispiel
des Stronatals im Piemont (Italien)" (LEHRINGER, 2003)
Die historische Landschaftsanalyse hatte das Ziel, die traditionelle
Kulturlandschaft zu rekonstruieren, das in ihr gespeicherte Kulturwissen
freizulegen und die Ergebnisse mit dem heutigen Landschaftszustand
zu vergleichen. Ausgewertet wurden archivalische Schriftstücke,
das historische Rabbini-Kataster aus der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts, Luftbilder aus den Jahren 1954, 1970, 1991/92,
Reisebeschreibungen und umfangreiche Sekundärliteratur. Die
historischen Landnutzungskarten wurden digitalisiert. Weiterhin
wurden punktuelle, linienförmige und flächige Kulturlandschaftselemente
im Maßstab 1:10.000 kartiert. Zahlreiche informelle Interviews
mit älteren Bewohnern ergänzten die geschichtlichen Recherchen.
Als Grundlage für das Verständnis der Landschaftsdynamik
wurde eine vegetationsökologische Landschaftsanalyse durchgeführt.
Angewendet wurden vor allem Methoden der Vegetationskunde und der
Fernerkundung. Die alpine Landschaft wurde auf verschiedenen Maßstabsebenen
in Raum und Zeit sowie in Abhängigkeit von früheren und
aktuellen Nutzungseinflüssen analysiert. Nach der Methode von
BRAUN-BLANQUET (1964) wurden Artenlisten und Vegetationsaufnahmen
erstellt und in Vegetationstabellen geordnet. Die Transektmethode
diente der Untersuchung der floristischen Diversität entlang
von Nutzungsgradienten. Zudem lieferte sie Erkenntnisse über
die Konkurrenzstrategien der am Sukzessionsprozess beteiligten Pflanzenarten
und führte zu einem besseren Verständnis von Strukturveränderungen
auf übergeordneten Maßstabsebenen. Aufbauend auf den
Ergebnissen der Vegetationserhebungen wurden Geländekartierung
und Luftbildinterpretation (Orthofotokarten) kombiniert, um den
Ist-Zustand der Vegetation im Maßstab 1:10.000 nach physiognomisch
unterscheidbaren Vegetationstypen zu erfassen. Für das obere
Stronatal wurde daraus eine Karte der aktuellen Landbedeckung abgeleitet,
die zum Vergleich mit der historischen Landnutzungskarte (Auswertung
und Digitalisierung des Rabbini-Katasters) diente. Durch eine Kombination
aus Interviews mit Almhirten, Geländeerhebungen und einer Neuklassifizierung
der Vegetationskarte wurde eine aktuelle Landnutzungskarte erstellt.
Für einzelne Almen wurden historische Luftbilder ausgewertet
und unter Einbezug der aktuellen Vegetationskartierung Kartenreihen
erarbeitet, die zur Analyse des räumlich-zeitlichenVerlaufs
der Sukzession dienten.
Anhand von vorwiegend qualitativen Methoden der empirischen Sozialforschung
(Interviews, schriftliche Befragungen) wurden die gegenwärtigen
sozialen Rahmenbedingungen untersucht und damit die Ergebnisse der
historischen Landschaftsanalyse ergänzt, um eine Basis für
die Entwicklung von Zukunftsperspektiven zu schaffen. Die Zielgruppen
waren Dorfbewohner, Almhirten, Ferienhaushalte und Touristen. Im
Mittelpunkt standen die Identität der heutigen Bevölkerung,
die gegenwärtige Nutzung der Landschaft, Wahrnehmung und Urteil
zu Veränderung von Landschaft und sozialem Leben, Urteil zur
Infrastruktur sowie Erwartungen und Wünsche für die Zukunft.
Zur Erweiterung der Informationsbasis hinsichtlich der Entwicklung
von Perspektiven für die Zukunft wurden Experten aus Politik,
Verwaltung und Naturschutz interviewt.
Diese drei Untersuchungsebenen bildeten die Grundlage für eine
kritische Analyse des Leitbildes Wildnis und die Diskussion von
Perspektiven für die Zukunft.
Die historische Landschaftsanalyse hat ergeben, dass die Landschaft
der beiden Untersuchungsgebiete vor allem durch die 700 Jahre dauernde
agro-silvo-pastorale Nutzung um Heimgüter, Maiensässe
und Almsiedlungen geprägt worden ist. Die traditionelle Kulturlandschaft,
die je nach Höhenstufe und Standort von Kastanienselven, Weinbergen,
Laub- und Mischwäldern sowie Weiden- und Wiesenflächen
dominiert wurde, war das Ergebnis einer großen Ressourcenknappheit.
Mit Beginn der Industrialisierung begann ein fortschreitender Entsiedelungsprozess,
der im oberen Stronatal fast und im Innern des Nationalparks bereits
vollständig abgeschlossen ist. Dafür haben neue Bevölkerungskreise
wie Ferienhausbesitzer und Touristen Einzug gehalten.
Die Untersuchungen zu Vegetation und Landschaftsdynamik haben
deutlich gemacht, dass sich die traditionelle Kulturlandschaft bereits
tief greifend verändert hat. Große Flächen unterliegen
Sukzessionsprozessen. Die Vegetationsentwicklung wird dabei von
den folgenden natürlichen und kulturellen Standortfaktoren
gesteuert:
- anthropogene Einflussfaktoren: aktuelle und historische Nutzungsformen
(z. B. Weide, Mahd, Holznutzung), Nutzungsintensität, unterschiedlicher
Aufgabezeitpunkt, punktueller Ein- und Austrag von Nährstoffen,
Brandereignisse
- zoogene Einflussfaktoren: Weide- und Verbissdruck durch Haus-
und Wildtiere
- natürliche Einflussfaktoren: Meereshöhe, Exposition,
Inklination, Bodenqualität, Mikroklima, Dauer der Schneebedeckung,
Lawinen-, Gewässer- und Bodendynamik
Im Verlauf der Sukzession sinkt die floristische Vielfalt im Übergang
vom Offenland zu verbuschten oder bereits wiederbewaldeten Flächen.
Der Anteil von spezialisierten, lichtbedürftigen Offenlandarten
geht zu Gunsten von konkurrenzkräftigen Halbschatt- und Schattarten
zurück. Die ehemals scharfen Grenzen zwischen den Nutzungstypen
werden fließend. Der Artenwechsel beschränkt sich jedoch
nicht nur auf ehemalige Wiesen und Weiden. Auch in Kastanienbestände
wandern andere Gehölzarten (Prunus avium, Sorbus aria, Betula
pendula, Fraxinus excelsior) ein. Im ehemals reich strukturierten
Nutzungsmosaik im Bereich der Heimgüter und Maiensässe
nimmt gegenwärtig die Vielfalt an Vegetationstypen ab, während
sie in der traditionell als Wiesen- und Weideland genutzten Almstufe
vor allem in West-, Nord- und Ostexposition zunimmt.
Die Waldfläche hat sich im Untersuchungsgebiet Oberes Stronatal
im Vergleich zu den Angaben im historischen Kataster um 74% erhöht.
Nach aktuellen Walddefinitionen der FAO ist die heutige Landschaft,
die früher vor allem durch Weiden und Wiesen geprägt war,
schon fast zur Hälfte von Wald bedeckt. Regelmäßig
beweidet werden nur noch 9% der Gesamtfläche, über die
Hälfte ist bereits ungenutzt. Dabei ist ein ehemaliger oder
bestehender Nutzungseinfluss noch auf 73% der Fläche zu erkennen.
In beiden Untersuchungsgebieten ist die Begehbarkeit der Landschaft
durch das Verwachsen vieler Wege deutlich zurückgegangen.
Die Landwirtschaft um die Dörfer und die traditionelle Almwirtschaft
sind heute in beiden Untersuchungsgebieten weitgehend aufgegeben
worden. Im Untersuchungsgebiet Premosello-Val Grande werden nur
noch wenige siedlungsnahe Flächen und einige Maiensässen
landwirtschaftlich genutzt. Im oberen Stronatal oberhalb von Campello
Monti werden im Sommer einige hochgelegenen Almen von auswärtigen
Hirten beweidet. Die Untersuchungen machten deutlich, dass diese
"moderne" Form der Almwirtschaft auf deutlich verkleinerter
Fläche verschiedene sozialen und strukturelle Probleme mit
sich bringt.
Die Befragungen zeigten, dass die verschiedenen Zielgruppen mehrheitlich
den Verlust an kulturellen Werten, der mit der Entsiedelung und
Verbrachung verbunden ist, bedauern. Ein weitaus überwiegender
Teil will, dass die Berggebiete bewohnt sind und die Landwirtschaft
erhalten bleibt. Es gibt dafür finanzielle Unterstützung
durch öffentliche Mittel, die vor allem im oberen Stronatal
noch nicht optimal eingesetzt werden. Die Bewohner von Premosello
und Colloro waren gegenüber der Wildnis der inneren Nationalparkbereiche
(Val Grande) mehrheitlich positiv eingestellt und assoziierten den
Begriff mit zahlreichen emotional-affektiven Attributen. Die Einstellung
der Touristen zur Verbrachung ehemaligen Kulturlandes war ambivalent.
Einerseits urteilten sie positiv über die "Wildheit"
der Landschaft, andererseits bedauerten sie den Verlust der bergbäuerlichen
Kultur. Die Wildnis des Nationalparks war für sie mehrheitlich
mit positiv-emotionalen Attributen besetzt. Die Umwandlung von bereits
teilweise entsiedelten Tälern in Wildnisgebiete wurde auf übergeordneter
politischer Ebene abgelehnt, in den Gemeinden und Berggebietsgemeinschaften
(Comunità montane) jedoch als mögliche Zukunftsoption
betrachtet, soweit derartige Pläne vor Ort und in enger Abstimmung
mit der lokalen Bevölkerung entschieden würden. Für
die Zukunft wurden dennoch vor allem Erhalt der Landwirtschaft und
im Falle des oberen Stronatals eine Unterschutzstellung des Gebietes
gewünscht. "Sanfter" Tourismus erwies sich in beiden
Untersuchungsgebieten als ein wichtiges Potenzial für die zukünftige
Entwicklung. Die Meinungsumfragen haben ergeben, dass in beiden
Untersuchungsgebieten eine deutliche Nachfrage nach lokalen Produkten
besteht.
Eine sinnvolle Perspektive für die Zukunft des Untersuchungsgebiets
Premosello-Val Grande wird in der konsequenten Umsetzung des Zonierungskonzepts
gesehen, das die Nationalparkverordnung vorgibt. Auf dieser Grundlage
könnte das Untersuchungsgebiet und damit der gesamte Nationalpark
ein Beispiel für die Koexistenz von Flächen sein, die
sich ohne Kontrolle und Eingriffe entwickeln, und von Bereichen,
wo die Kulturlandschaft zu erhalten ist. Um dieses Ziel zu erreichen,
sollten traditionelle und innovative Landnutzungsformen um die Dauersiedlungen
und Maiensässe gefördert werden. Für die äußere,
"wirtschaftliche und soziale" Entwicklungszone wird deshalb
ein Konzept vorgeschlagen, das auf der Kombination von "sanften"
Tourismusangeboten und angepassten agro-silvo-pastoralen Nutzungen
beruht. Entsiedelte Gemarkungsbereiche - vornehmlich die Flächen
im Val Grande - sollten dagegen zu Gunsten ungelenkter Landschaftsdynamik
ohne Nutzung bleiben.
Bezüglich des Val Grande-Nationalparks ist "Wildnis"
als großflächige Schutzstrategie aus verschiedenen Gründen
abzulehnen: Die jahrhundertelange Nutzungsgeschichte des Ossola-/Val
Grande-Gebietes steht einerseits in scharfem Widerspruch zu den
Kriterien, die diesem, in Nordamerika entstandenen Leitbild, zugrunde
liegen. Andererseits würde "Wildnis" in letzter Konsequenz
zur Unzugänglichkeit der Landschaft und dem Verlust ihrer Erlebbarkeit
führen, so dass der Nationalpark seinen gesetzlichen Auftrag,
der Erholung und Bildung der Bevölkerung zu dienen, nicht mehr
nachkommen könnte. Die Untersuchungen haben deutlich gemacht,
dass die unkontrollierte Landschaftsentwicklung die Risiken für
die Siedlungen durch Zunahme von Buschbränden sowie durch die
Verklausung von Fließgewässern erhöht. Zudem führt
sie zu einem deutlichen Rückgang der Vielfalt an Pflanzenarten,
zu einem Verlust an landschaftsinhärentem Kulturwissen und
von "Heimat". Die Analyse der beiden Fallbeispiele unterstreicht
die Notwendigkeit, dass die Entscheidung darüber, auf welchen
Flächen in den Alpen sich in Zukunft die Natur ungehindert
entwickeln soll, nur vor dem Hintergrund von regional- bzw. lokalbezogenen
Studien fallen darf, in welche die einheimische Bevölkerung
von Anfang an eingebunden ist. Dabei muss berücksichtigt werden,
dass die traditionelle alpine Kulturlandschaft in den südwestlichen
Alpen durch den großräumigen Rückzug der Landbewirtschaftung
bereits heute stark gefährdet ist.
Die kritische Auseinandersetzung mit der Etymologie des Begriffs
"Wildnis" und des damit verbundenen Naturschutzkonzepts
hat die Notwendigkeit deutlich gemacht, sowohl Begriff als auch
Konzept in der naturschutzfachlichen Diskussion besser zu reflektieren
und die damit verbundene Diskussion zu versachlichen. Da das Konzept
"Wildnis" mit Attributen verknüpft ist, denen europäische,
historisch gewachsene Kulturlandschaften nicht gerecht werden können,
ist letztlich von einer naturschutzfachlichen Verwendung dieses
Begriffes abzuraten. Vielmehr wird der Begriff "Naturentwicklungsgebiet"
für die Unterschutzstellung von Bereichen mit ungelenkter Landschaftsdynamik
zur Diskussion gestellt.
Für das Untersuchungsgebiet Oberes Stronatal werden drei mögliche
Perspektiven für die Zukunft diskutiert:
- Trendfortsetzung, d. h. die Fortsetzung der bestehenden Trends
ohne eine tiefer greifende politische Einflussnahme. An Hand der
Untersuchungsergebnisse wird begründet, dass dies die Gefahr
wachsender sozialer und ökologischer Konflikte in sich birgt
und damit das negativste Szenario wäre.
- Naturentwicklungsgebiet: Für die Einrichtung eines Naturentwicklungsgebiets
auf der gesamten Fläche eignet sich das obere Stronatal aus
verschiedenen Gründen nicht. Einerseits ist die Fläche
zu klein. Andererseits ist es im Sommer bewohnt und die Einrichtung
eines Naturentwicklungsgebietes würde deshalb zu verschiedenen
Interessenkonflikten führen. Außerdem verfügt
dieses Untersuchungsgebiet über verschiedene wertvolle Elemente
der historischen Kulturlandschaft sowie die mittelalterlich geprägten
Dörfer, die zu erhalten sind. Hinzu kommt, dass es in Form
des Val Grande-Nationalparks bereits ein Wildnisgebiet in der
Provinz V.C.O. gibt.
Das kleinflächige Nebeneinander von Resten der traditionellen
Kulturlandschaft, sogenannten "Dynamikflächen" und
kulturhistorisch wertvollen Zeugnissen der Vergangenheit sowie die
touristische und almwirtschaftliche Nachfrage machen deutlich, dass
nur ein räumlich differenziertes Nutz- und Schutzkonzept sowie
die Einbindung in größere politische Zusammenhänge
positive Perspektiven für das obere Stronatal eröffnen
können.
- Innovative Landeskultur: Es wird deshalb vorgeschlagen, im Rahmen
des UNESCO-Programms "Man and Biosphere" (MAB), ein
Biosphärenreservat "Walsergebiete um den Monte Rosa"
zu schaffen. In dieser Form könnten verschiedene räumlich
getrennte Schutzgebiete und ungeschützte Bereiche im Sesia-
und Anzascatal gemeinsam mit dem oberen Stronatal in eine großflächige
Modelllandschaft eingebunden werden mit dem Ziel, die natur- und
sozialverträgliche Entwicklung von verbrachenden Gebieten
im südwestlichen Alpenraum zu experimentieren. Einerseits
gibt es heute in den Tälern um den Monte Rosa, die ursprünglich
von den Walsern besiedelt wurden, große zusammenhängende
unbesiedelte Flächen, die Sukzessionsprozessen unterliegen
und sich damit für die Ausweisung als Naturentwicklungsgebiete
eignen. Andererseits sind noch wesentliche Elemente der traditionellen
Kultur und der dazu gehörenden Landschaft erhalten. In einem
derartigen Modellgebiet könnte ein für den südwestlichen
Alpenraum geeignetes Konzept der Koexistenz von Gebieten mit innovativer
Landeskultur, die auf vielfältigen Aktivitäten wie Land-
und Almwirtschaft, Transhumanz, Waldwirtschaft, Handwerk und Tourismus
basiert, sowie Gebieten mit ungelenkter Landschaftsentwicklung,
wo sich der wirtschaftende Mensch zurückzieht, erprobt werden.
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