Tun oder unterlassen - zukünftige Schutzstrategien im Val
Grande-Nationalpark
(Zusammenfassung)
Das Projekt "Tun oder Unterlassen: zukünftige Schutzstrategien
im Val Grande-Nationalpark" war Teil des Interreg 3A-Programms
"Paesaggio transfrontaliero da promuovere e valorizzare"
und wurde in der Zeit von Juli 2003 bis Oktober 2004 bearbeitet.
Folgende Fragen lagen ihm zugrunde:
- Welche Pflanzenarten und Vegetationsformationen kommen im Portaiolatal
vor?
- Welche Auswirkungen hat die Nutzungsaufgabe auf die floristische
und strukturelle Vielfalt?
- Wie ist die einheimische Bevölkerung gegenüber der
Wiederbelebung traditioneller Nutzungsformen im Val Grande-Nationalpark
eingestellt?
- Welche Nutzungsarten könnten zu einer Förderung der
floristischen Vielfalt beitragen?
Diese Fragen wurden in einem transdisziplinären Forschungsansatz,
der Methoden der historischen Geographie, der Vegetationsökologie
sowie der empirischen Sozialforschung integrierte, geklärt.
Die historische Landschaftsanalyse zielte darauf ab, die traditionelle
Kulturlandschaft zu rekonstruieren und sie mit ihrem heutigen Zustand
zu vergleichen. Dazu wurde das Gemeindekataster von Malesco aus
dem Jahr 1953 sowie umfangreiche Sekundärliteratur ausgewertet.
Um die Vegetationsdynamik zu verstehen, wurden vegetationskundliche
Methoden mit Methoden der Fernerkundung kombiniert. Die Vegetation
wurde nach der Braun-Blanquet-Methode aufgenommen. Zudem wurden
Artenlisten erstellt. Die Transektmethode diente der Charakterisierung
der Sukzession und der Beschreibung der unterschiedlichen Strategien
und Anpassungen der Pflanzen während dieses Prozess. Auf der
Grundlage der vegetationskundlichen Aufnahmen wurde eine Vegetationskarte
im Maßstab 1:10.000 nach physiognomischen Kriterien erstellt
und diese durch die Interpretation von digitalen Orthophotos und
Geländeaufnahmen präzisiert. Mittels einer umfangreichen
Fragebogenerhebung wurde die Meinung der lokalen Bevölkerung
hinsichtlich des Landschaftswandels und zukünftiger, umweltgerechter
Nutzungen erhoben.
Die historische Landschaftsanalyse machte den Einfluss der langen
agro-silvo-pastoralen Nutzung auf die Landschaft deutlich. Diese
war, je nach Exposition und Höhenlage, von einem Mosaik aus
Hoch- und Niederwäldern und deren Mischformen sowie von Wiesen
und Weiden geprägt. Die Wälder stockten hauptsächlich
auf mageren Standorte und steilen Hängen. Im Zuge des Wirtschaftswunders
der 1960er Jahre wurde die Nutzung des Portaiolatals mehr und mehr
aufgegeben. Heute wird das Portaiolatal nur noch von einer kleinen
Herde von Piemonteserrindern und einigen halbwilden Ziegen und Schafen
beweidet.
Die historischen und vegetationsökologischen Untersuchungen
veranschaulichen den Landschaftswandel. Sukzessionsprozesse laufen
auf ausgedehnten Flächen ab. In den 1950er Jahren waren 12%
von Wäldern bedeckt. Von da an nahm die Waldfläche kontinuierlich
zu und erreicht heute 35%. Im Jahr 1952 waren 53% des Portaiolatals
als Weide genutzt, während heute nur noch 4% von extensiven
Weiden und von Grasflächen bedeckt sind. 59% der Fläche
sind gegenwärtig von Wäldern sowie Felsflächen und
Schutthalden bedeckt. Die Auswertung der Transektergebnisse führte
zu folgenden Ergebnissen:
- In den verlassenen Wiesen und Weiden ist der Anteil der Hemikryptophyten,
speziell derjenigen mit Rhizomen und Stolonen, höher als
in anderen Formationen.
- Im Zuge der Sukzession der ehemaligen Almen nimmt die Vielfalt
an Pflanzenarten ab. Die Häufigkeit der lichtbedürftigen
Arten geht auf Kosten von konkurrenzkräftigen, schattentoleranten
Arten zurück.
- In der unmittelbaren Umgebung von aufgelassenen Almen drängen
Wild- und Haustiere die Verbuschung zurück und schaffen so
Nischen für zahlreiche Offenlandarten.
- In den Nitrophytenfluren, den Gebüschen und Wäldern
ist die Artenzahl erheblich niedriger als in den Grasflächen,
die noch nicht von Bäumen und Gebüschen eingenommen
sind.
Im Portaiolatal lassen sich im Maßstab 1:10.000 gegenwärtig
14 Vegetationsformationen unterscheiden. Dazu treten drei weitere
Strukturen: Felsflächen, Schutthalden und Wasserläufe.
Insgesamt wurden 262 Gefäßpflanzenarten angetroffen.
Wie aus den Befragungen hervorgeht, ist den Teilnehmern das Untersuchungsgebiet
wohl bekannt. Die Mehrheit der Interviewten hat sich bereits ein
oder mehrere Male im Val Grande aufgehalten. Der hohe Prozentsatz
der Befragten, die das Tal im Gedenken an ihre Vorfahren besucht,
zeigt deren lokale Verwurzelung. Ein Großteil der Teilnehmer
beurteilte die Instandsetzung der Alpe Straolgio positiv. Die Bevölkerung
ist sich jedoch der Vor- und Nachteile dieses Projekts wohl bewusst:
auch wenn sie mögliche positive Auswirkungen für die lokale
Wirtschaft begrüßt, fürchtet sie jedoch die negativen
Auswirkungen einer überstürzten und zu raschen Tourismusentwicklung.
Die Nutzungsaufgabe und ihre Konsequenzen wurden generell abgelehnt.
Der Val Grande Nationalpark wurde insgesamt positiv beurteilt. Nach
Meinung der Mehrheit stärkt dieser die lokale Wirtschaft und
trägt zur Bekanntheit von Malesco bei. Die Teilnehmer schätzen
darüber hinaus die ökologische Qualität des Nationalparks.
Während eine Hälfte der Befragten deutlich die Idee des
Zusammenschluss des Nationalparks mit dem geplanten Tessiner Großschutzgebiet
im Val Onsernone unterstützt, sind 47% der Teilnehmer dieser
Idee gegenüber unentschlossen oder ablehnend eingestellt. Etwa
die Hälfte der Befragten kennt den Begriff "Wildnerness"
und verbindet damit eine große Zahl an gefühlsbetonten
positiven Bildern.
Die Verbindung von umweltverträglichen touristischen Angeboten
mit nachhaltigen, agro-silvo-pastoralen Nutzungsformen und staatlichen
finanzierten Landschaftspflegemaßnahmen einerseits sowie andererseits
das Zulassen ungelenkter Landschaftsdynamik ist eine sinnvolle Zukunftsoption
für das Untersuchungsgebiet. Zur Sicherung der floristischen
Vielfalt scheint die Beweidung mit Rindern und Ziegen sinnvoll.
Eine Wiederbewirtschaftung der Alpe Straolgio muss jedoch mit äußerster
Umsicht geplant und durchgeführt werden, um unerwünschte
Nebenwirkungen zu verhindern (wie etwa die Ausbreitung von Weideunkräutern,
den Austrag von Nährstoffen, das Entstehen von Erosionsphänomenen
und ein übermäßiges Anwachsen des Tourismus mit
seinen negativen Auswirkungen).
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