Raubfeinde als Antreiber der
Lemming-Zyklen in Grönland
(31.10.03) Eine neuerliche und soeben in der Ausgabe von
Science
vom 31 Oktober veröffentlichte Studie aus Nord-Ost-Grönland
liefert neuere Einblicke in die Dynamik arktischer Lemming-Populationen.
Olivier Gilg und Ilkka Hanski von der Universität Helsinki
sowie Benoît Sittler
vom Institut für Landespflege der
Universität
Freiburg (D) haben Langzeitbeobachtungen
vor Ort und mathematische Modellierungen der möglicherweise
weltweit einfachsten Räuber-Beute-Gemeinschaft unter den Wirbeltieren
verknüpft. In dem Untersuchungsgebiet des Karupelv-Tales am
72. Breitengrad Nord gibt es nur eine Beuteart, der Lemming, von
dem sich vier Raubfeinde ernähren: das Hermelin, der Polarfuchs,
die Schnee-Eule und die Falkenraubmöwe.
Den
Ökologen sind die regelmäßigen Populationszyklen
der Lemminge und nördlichen Wühlmäuse seit der klassischen
Studie von Charles Elton im Jahre 1924 schon lange bekannt. Dutzende
von Hypothesen wurden zur Erklärung dieser zyklischen Kleinsäuger-Schwankungen,
die so auffallend sind, dass sie sowohl den Laien als auch den Wissenschaftlern
nicht entgangen sind, vorgeschlagen.
Lange Zeit ging man davon aus, dass der Auslöser dieser Zyklen
als endogene Eigenschaften bei den Nagetieren selbst zu suchen seien.
Man dachte, dass soziale Wechselbeziehungen zwischen den Tieren
bei niedrigen Dichten gegenüber den Tieren bei hohen Dichten
ausreichend unterschiedlich seien, um schnell reproduzierende aber
"fügsame" Individuen gegenüber konkurrenzfähigen
aber schwach reproduzierende Individuen zu selektieren. Eine Hypothese
war dann, dass der verändernde Selektionsdruck zu Veränderungen
der Populationswachstumsrate führte, was letztendlich diese
Zyklen hervorrufen würde.
Andere Forscher wiederum führten auffällige Auswirkungen
hoher Nager-Populationen auf die Nahrungsgrundlage als Grund für
die Zyklen an. Nahrungsmangel oder minderwertige Nahrung setzten
den Fortpflanzungserfolg derart herab, dass es zum Populationszusammenbruch
bei hoher Dichte komme, und dies zu einem neuen Zyklus führen
würde. So vertretbar diese Ideen auch erscheinen mögen,
gab es von Seiten empirischer Studien allerdings nur moderate Unterstützung
für solche Mechanismen; wenn auch Ökologen nun anerkennen,
dass unterschiedliche Mechanismen in verschiedenen Gebieten beim
Zustandekommen vergleichbarer Populationsdynamiken im Spiel sein
können.
Die Studie von Gilg, Hanski und Sittler weist auf die kritische
Rolle der Raubfeinde in der Populationsdynamik der Lemminge hin.
Alle Raubfeinde in Grönland bis auf das Hermelin richten ihre
numerische Reaktion schnell entsprechend dem Stand der Lemming-Population
und daher ist die Prädationsrate dieser Arten desto höher,
je höher die Lemmingdichte ist. In der Tat ist der Prädationsdruck
durch diese Arten so stark, dass er alleine ausreicht, das weitere
Anwachsen der Lemmingpopulation zu stoppen, sobald Dichten von über
10 Tiere/ha erreicht werden. Während der langen Sommertage
ist die Prädation so stark, dass die Lemming-Population abnimmt.
Lediglich im Winter im Schutz der starken Schneedecke haben die
Lemminge eine Chance, ihre Anzahl zu erhöhen.
Obwohl der Einfluss des Polarfuchses, der Schnee-Eule und der Raubmöwe
im Sommer sehr spektakulär erscheinen mag, bestimmt in der
Tat das Hermelin den Gang der Lemming-Dynamik. Als Standtier verfolgt
das Hermelin die Lemminge im Winter auch unter dem Schnee. Die Reproduktionsrate
des Hermelins ist allerdings viel niedriger als die des Lemmings
und daher hinken die Zahlen der Hermeline denen ihrer Beute hinterher.
Aber sobald die anderen Prädatoren die Zunahme der Lemming-Population
gestoppt haben, kann das Hermelin aufholen. Entsprechend den Vorhersagen
des mathematischen Modells ist nun das Hermelin der Verantwortliche
für den Zusammenbruch der Lemming-Population bis zum Tiefstand
mit extrem geringen Dichten. Dann folgt der eigene Kollaps der Hermelin-Population,
und ein neuer Zyklus beginnt.
Die Bedeutung dieser neuen Studie durch Gilg, Hanski und Sittler,
die auf Daten aus 16 Jahren Beobachtung zurückgreifen kann,
liegt in der überzeugenden Demonstration von der Art, wie Räuber-Beute-Wechselbeziehungen
den regelmäßigen 4-5 jährigen Lemming-Zyklus in
Grönland antreiben. Daher sind es weder endogen bedingte Reaktionen
der Lemminge auf ihre Dichte noch Wechselbeziehungen zu den Nahrungsgrundlagen,
die in Grönland von Bedeutung sind; vielmehr treibt das Hermelin
die Zyklen an, während die anderen Prädatoren das obere
Limit für die Lemming-Dichten festlegen. Obwohl diese Ergebnisse
von einer arktischen Landschaft nicht ohne weiteres auf andere Regionen
mit Nagerzyklen direkt übertragen werden können, ist zweifelsohne
die Prädation die beste Erklärung für das seit Jahrzehnten
anhaltende Puzzle der Lemming- und Wühlmauszyklen.
Durch Fortsetzung dieses seit 16 Jahren laufende Monitoring dürfte
man zu einigen der hier aufgeworfenen Fragen tiefergehende Erklärungen
finden.
Kontakt an der Universität Freiburg:
Dr. Benoît Sittler
Institut für Landespflege
79085 Freiburg (D)
Telefon: +49 761 203-3629
benoit.sittler@landespflege.uni-freiburg.de
Mehr Informationen zum Institut finden sich auf der Titelseite.
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